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5.8

"Wer holt denn mal die Kreide für Führer, Volk und Vaterland?", war die gängige Frage eines Mathelehrers in der Oberstufe.
Diese Frage und das Verhalten meiner damaligen Religionslehrerin haben mich zu einer Nichtschweigerin werden lassen.
Es war einfach nicht die Zeit, um schweigend hinzunehmen, was man hörte und was man erlebte.


"Wer holt denn mal die Kreide für Führer, Volk und Vaterland?", wäre schon als Witz ein äußerst befremdlicher und unpassender gewesen.
Ernst gemeint waren und sind solche Äußerungen nicht hinnehmbar.
Nicht damals und nicht heute.

Und so gab es immer wieder lebensvorherrschende Themen, die das Lernen überschatteten.

Ich erinnere mich gut an meine Religionslehrerin in der Oberstufe. Wir nannten sie "Schneewittchen", da sie aussah wie selbige, nur in klein und gedrungen.
Um ehrlich zu sein kann ich mich nicht einmal an ihren richtigen Namen erinnern.
Wir wurden damals in Containern unterrichtet - wenn ich es mir recht überlege, hat sich da nicht wirklich viel getan in den letzten 40 Jahren - und in diesen Containern war es beengt und Möbel waren Mangelware.

Die Religionslehrerin brauchte immer eine Weile, ehe sie den Unterricht beginnen konnte.
Zunächst legte sie eine Serviette auf den Stuhl, auf den sie sich setzen wollte.
Dann wurde die Gucci-Tasche auf einen zweiten Stuhl gestellt, der Mantel über einen dritten Stuhl gehängt.
Drei Stühle. Eine Person.

Als ein weiterer Schüler in den Kurs kam gab es keinen Stuhl für ihn.
Also eigentlich ja schon, da am Pult drei statt eines Stuhls belegt waren.
Man könnte nun annehmen, dass insbesondere eine Religionslehrerin, einen dieser Stühle nehmen und dem neun Schüler anbieten würde.
Könnte man annehmen.
Aber es muss nicht so kommen.

Es bestand auch keine Möglichkeit, sich aus dem Nachbarcontainer Stühle zu holen, da die überall knapp waren.
Der Schüler sollt nun also stehen.
Damit Gucci-Tasche und Mantel je einen eigenen Stuhl hatten.

Auch das war nicht die Zeit zu schweigen.
Meine Empörung brachte mir einen satten Notensprung nach unten ein und die Religionslehrerin sprach nie wieder ein Wort mit mir.

DAS waren meine Schulthemen.
Nichts anderes.

Natürlich fehlt noch die Geschichte meines Mathelehrers in der Oberstufe. Ich hatte wirklich überhaupt keine Ahnung davon, was da im Matheunterricht vor sich ging. Ich verstand Mathe einfach nicht und  - das gestehe ich - ich hatte auch nicht das Bedürfnis Mathe zu verstehen.
Mit mir ging es einem Mitschüler exakt so und wir beide hatten unsere Fünf wirklich verdient.

Nun kam es aber, dass der Mathelehrer vor dem gesamten Kurs folgendes Angebot machte:
"Ihr Zwei könnt hier entweder eine Kurvendiskussion an der Tafel vorrechnen oder ihr zeigt mir durch ein Stegreifspiel, was Euch Mathe sagt!"

Während der Mitschüler für sein schauspielerisches Talent bekannt war - und er war in der Tat sehr begabt - war ich für gar kein Talent bekannt.

"Ladies first!", grinste mich der Lehrer an und ich verzichtete auf beide Möglichkeiten.

"Leider Fünf!", der Lehrer hatte unverhohlen Spaß.

Mein Mitschüler entschied sich für das Schauspiel.
Er war brillant.

Er nahm seinen Stuhl, stellte ihn mit der Lehne nach vorn vor den Kurs und setze sich schweigend darauf. Die Arme lässig auf der Lehne abgelegt, ernst guckend.
Schweigen.
Fünf Minuten, sechs Minuten, zehn Minuten.

"Brillant", unterbrach der Lehrer nach etwa zehn Minuten, "deine Vier ist dir sicher!"

Wie so oft ging ich mit dem Gefühl der Wut und des Versagens nach Hause.

schulbeherzt 23.10.2023, 05.30

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