Ausgewählter Beitrag

2.1

Ich war anders als die anderen. Meine Sprache und meine Kleidung, die Straße in der ich wohnte und die Berufe meiner Eltern passten nichts ins Gymnasialbild.

Das erklärte mir unser neuer Klassenlehrer direkt zu Beginn des 5. Schuljahres, als jeder in der Klasse auf Zuruf seines Namens den Beruf des Vaters nennen musste. 
Bei mir schaute der Lehrer auf, zog die Augenbrauen hoch und wiederholte: "Schlosser? Wirklich?"

Ich hatte keine Ahnung, was mit dem Beruf nicht in Ordnung war und fühlte mich unbehaglich. Ein Zustand, der viele Jahre andauern sollte.
Ich war nicht wie die anderen.

Es war unsere Deutschlehrerin, die mich behandelte wie alle anderen Kinder. Sie unterschied nicht zwischen Kleidung, Berufe der Eltern und der Straßen, in denen wir wohnten.
Sie verwies die anderen in ihre Schranken, wenn sie sich über meine mit Bordüre verlängerten C&A Hosen amüsierten und suchte immer wieder das Gespräch mit der Klasse, um deutlich zu machen, dass jeder - unabhängig von Kleidung und Herkunft - gleich viel wert sei.

Sie war es, die an mich glaubte. Die mich immer wieder lobte, meine Arbeiten herausstellte, mir Komplimente für meine Kleidung machte.
Sie war es, die mir immer wieder die Möglichkeit gab, zu glänzen, zu zeigen, dass ich auch etwas konnte, die mir Raum gab, ich zu sein.

Sie war mein Anker in den ersten Jahren am Gymnasium und wir in Klasse 8 einen neuen Deutschlehrer erhielten, war ich untröstlich.
Doch mittlerweile hatte ich mich ab- und eingefunden in das System Gymnasium. Ich hatte gelernt, zu überleben und jemand zu sein.
Dass ich mich nicht gerade für den optimalen Weg entschieden hatte, jemand zu sein, das war mir zu dieser Zeit nicht klar.

Ich konnte nicht mit Schönheit, einem erwarteten adäquaten Elternhaus, teurer Kleidung und angemessener Sprache dienen. Ich war nicht eines dieser begehrten Mädchen, zu denen man gehören wollte, also musste ich anders auffallen, um einen Platz in der Gruppe zu ergattern.
Ich wurde zu dem Mädchen, das gern Widerworte gab, sich gegen Lehrkräfte auflehnte, gegen alles war, dumme Scherze machte, Blödsinn verzapfte und immer für Quatsch zu haben war.
Ich war eine Plage für alle Lehrkräfte und meine Eltern mussten recht oft zur Schule, weil ich wieder etwas "angestellt" hatte.

Trotz allem stand diese eine Deutschlehrerin immer an meiner Seite. Sie war die einzige, die meine "Not" erkannte und mich annahm, so wie ich war.
Bei ihr durfte ich Fehler machen, ohne verurteilt zu werden. Sie hörte mir zu. Wirklich zu und ich hatte immer das Gefühl, dass sie mich ernst nimmt und dass ich so wie ich war gut und richtig war.

Sie war dieser eine Mensch, der an mich glaubte. Und noch heute - sie ist längst verstorben - denke ich oft an sie zurück.
Sie war ein großes Vorbild und ist es noch.

Meine Töchter besuchten - viele Jahre später - dieselbe Schule.
Ich hätte ihnen gewünscht, dass sie eine solche Lehrerin oder einen solchen Lehrer an ihrer Seite gehabt hätten.
Einen Menschen, der die Veränderung ausmacht.
Ich hatte großes Glück!





schulbeherzt 14.10.2023, 07.17

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R.
Mir gefällt deine Art zu schreiben und die Sicht auf Schule und die Kinder. Ich lese gern weiter mit.
15.10.2023-8:38
Marie
Liebe Schulbeherzt,
ich bin zufällig hierher gekommen und habe mich festgelesen.
Danke, dass du so offen schreibst. Deine Texte haben mich sehr berührt.
14.10.2023-6:42
Susanne
Ich freue mich sehr, dass Du hier in meinem Blog gelandet bist. Viel Spaß beim Lesen!
12.10.2023-10:42
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